4 3 2 1 – Paul Auster

Mehr als 1.200 Seiten. Kaum Langeweile. Elendig lange Bandwurmsätze. Brillant formuliert. Strikt amerikanisch. Nobelpreisverdächtig.

Was mir an Paul Auster´s Opus Magnum gefallen hat – und was nicht:

Kurzweilig.
Es klingt eigentlich unmöglich, aber Auster schafft es tatsächlich ein Mammutwerk zu schreiben und dabei gekonnt jegliche Langeweile zu umschiffen. Klar, gegen Ende wird es teilweise etwas zäh, aber ansonsten bieten diese über 1.000 Seiten einen flüssigen, unterhaltsamen Lesespaß. Es geht immer vorwärts, die Handlungen nehmen sich wenig Zeit zum Durchatmen, immer passiert etwas Neues.

Amerika, Amerika, Amerika.
Gut, einem amerikanischen Roman kann man ja schlecht vorwerfen zu amerikanisch zu sein. Dennoch: In Paul Austers Roman geht es schlussendlich nur um dieses Land. Wie leben die Menschen, was denken sie, wie sieht ihre “Kultur” aus? Selbst in Fergusons Zeit in Paris geht es nie um die dortigen Lebensverhältnisse, nicht ein einziger Franzose kommt in der Geschichte zu Wort. Ich hätte von Auster ein wenig mehr Blicke über den monolithischen Tellerrand erwartet. Und dazu: Baseball, Baseball, Baseball. Ach ja, und ein wenig Basketball.

Dialoge.
Die Dialoge sind brillant. Kurz und prägnant formuliert. Kein Wort zuviel. Dabei packend und zielgerichtet. Und genau deshalb gibt es leider viel zu wenige davon! Auster hätte viel mehr dieser präzisen, stets dem Duktus und Charakter der Personen entsprechenden Dialoge in sein Werk einflechten sollen. So hätte er uns Lesern seine Romanfiguren viel lebendiger erscheinen lassen können, als mit seinen flachen Personenbeschreibungen. Denn:

Charaktere.
Leider bleiben viele Charaktere eher blass. Mit Ausnahme von Ferguson, seiner Mutter und der geliebten Amy konnte ich zu keinem anderen Charakter eine Beziehung aufbauen. Ihr Schicksal hat mich nicht berührt, da sie einfach nicht richtig in Szene gesetzt werden.

Überhaupt sind viele Charaktere austauschbar. Ferguson lernt in seinen vier Lebensgeschichten zwar unterschiedliche Menschen kennen, doch entsprechen diese meistens den gleichen Archetypen. So verliert der Leser häufig den Überblick, welche Nebenperson in welcher Story vorgekommen ist, und welche Rolle diese gespielt hat. Das liegt leider vor allem daran, dass diese Personen wenig prägnant sind und nur dazu dienen, Fergusons Welt lebendig werden zu lassen. Keine hat besondere Eigenheiten, und weckt im Leser das Interesse am weiteren Werdegang.

Wunderkinder.
Dazu kommt das fast ausnahmslos alle Freunde von Ferguson “Wunderkinder” sind. Zmindest interessieren sich alle im frühen Teenageralter für nichts außer Literatur, Film, Theater, Politik und zuweilen Sport. Da bleibt die Realität auf der Strecke, denn wer will ernsthaft behaupten, dass sich alle 14-Jährigen in einer Clique für literarische Klassiker des 18. Jahrhunderts oder griechische Tragödiendichter interessieren?

Oberflächlich.
Auster spricht die Missstände der amerikanischen Gesellschaft der Sechziger Jahre offen an. Seine Personen äußern ihren Unmut über die Verhältnisse und sprechen den Wunsch aus, etwas zu verändern. Aber: Auster scheut sich zuück vor harten Kritiken. Die Verbrechen und unmoraltischen Taten der amerikanischen Regierung und großen Teilen der Öffentlichkeit werden zwar benannt, jedoch nie mit offener, drastischer Kritik überzogen. Auster bleibt hier sehr oberflächlich. Von ihm hätte ich mir eigentlich eine tiefergehende Auseinandersetzung erwartet, als das ledigliche Herunterrasseln der Ereignisse.
Dazu bleibt der Roman auch psychologisch an der Oberfläche und geht nie richtig in die Tiefe.

Wenig Höhepunkte.
Die Handlung ist flüssig und ständig passiert etwas Neues. Leider blieben bei mir nur wenige Ereignisse hängen, da es wenig krasse Höhe- und damit Wendepunkte gibt. Der Autounfall und die Entdeckung der Bisexualität fallen mir ein, aber der Rest plästschert ein wenig vor sich hin. Günter Grass hatte da in seiner Blechtrommel deutlich mehr einschneidende Erlebnisse zu bieten, an die ich mich als Leser gerne zurück erinnere.

Obwohl “4 3 2 1″ ein bemerkenswertes Buch ist und ich es jedem Leser empfehlen würde, hat es auf mich keine nachhaltige Wirkung. Es brennt einfach nicht nach.

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