Das Sexleben siamesischer Zwillinge – Irvine Welsh

Nein, um siamesische Zwillinge geht es hier nur am Rande. Welsh´s erster Roman ohne Schottland und Schotten ist eine unterhaltsame Gesellschaftssatire, die anfangs fesselt, in der Mitte etwas zu lang geraten ist, und nach einer unlogischen Wendung in einem harmlosen Finale endet.

Das klingt natürlich nicht so dolle, wird dem Roman aber nicht gerecht. Doch der Reihe nach. Die beiden Protagonistinnen Lucy und Lena könnten unterschiedlicher nicht sein: Lucy ein promiskuitiver,  starrköpfiger Fitness-Freak, Lena eine übergewichtige, sensible Künstlerin. Eine schicksalshafte Begegnung auf einem regennassen Highway führt das Leben der beiden Frauen zusammen. Lena will bei Lucy trainieren, muss jedoch überrascht feststellen, dass die Fitness-Trainerin in der Künstlerin ein neues Projekt sieht, um sich selbst zu beweisen, dass ihr eigenes Leben nicht verkorkst ist. Dementsprechend geht Lucy mit harten Methoden und unbezähmbarem Übereifer an die Schlankmachung Lena´s heran. Die Frauen verbringen immer mehr Zeit miteinander, bis Lucy zu weit geht, Lena in ein leerstehendes Gebäude sperrt und sie zwingt radikal gegen die Fettleibigkeit zu kämpfen.

Narzissmus, psychische Dispositionen und Kindheitstraumata sind die Themen, die Welsh auf der persönlichen Ebene seiner Charaktere abarbeitet. Dazu kommen Sensationsgeilheit, die Aufmerksamkeitsökonomie der Massenmedien und Fitnesswahn als Geltungsbedürfnis auf der gesellschaftlichen Ebene hinzu.

Welsh wagt damit eine Art Rundumschlag. Sein Duktus ist schnelllebig, unterhaltsam und flüssig zu lesen. Er folgt einem klassischen Spannungsbogen, in dem der Leser Stück für Stück mehr über die beiden Frauen erfährt. Lucy und Lena sind ihm wirklich sehr gut gelungen. Beide haben nicht nur unterschiedliche Werdegänge hinter sich, sondern sprechen auch eine andere Sprache. Der harte Bostoner Slang von Lucy kontrastiert wunderbar mit der präzisen Ausdruckweise der gebildeten Lena.
Was jedoch nach einiger Zeit nervt, ist das sich ständig wiederholende Gefluche von Lucy. In der Mitte des Buches gibt es dann einige Sequenzen, in denen Lucy wahlweise Männer oder Frauen für die Auslebung ihrer sexuellen Fantasieen benutzt. Das ist natürlich witzig; da wir Lucy jedoch bereits gut kennen, hätte sich Welsh hier ein paar Dutzend Seiten sparen können.

So ist man froh, wenn endlich Lena die Erzählerrolle übernimmt und ihre Sicht der Geschehnisse darlegt. Die Hintergrundgeschichten der beiden Frauen sind dabei das Interessanteste am gesamten Roman. Welsh zeigt, wie Erlebnisse Menschen formen und verändern können, die daraus resultierenden Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale sind stets plausibel und nachvollziehbar. Beide Frauen haben Höhen und Tiefen erlebt und diese jeweils unterschiedlich verarbeitet. Daraus ergibt sich der ganz besondere Cocktail, in dem Lucy und Lena aufeinander prallen, und der jedem Leser schmecken sollte.

Die Gesellschaftssatire gerät durch die feine Ausarbeitung der Charaktere etwas in den Hintergrund. Was ich jedoch angenehm finde, da die Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Zuständen zwar immer durchklingt, aber nicht zuviel Raum einnimmt. Welsh ist ja ohnehin niemand, der mit erhobenen Zeigefinger auf Misstände hinweist, und das ist auch gut so.

Was mir nicht gefallen hat: Im letzten Drittel des Romans tauschen beide Frauen innerlich ihre Rollen. Bei der sensiblen Künstlerin Lena ist dies absolut nachvollziehbar: Vom frustrierten Mäuschen wandelt sie sich durch eine Trotz-Reaktion in eine willensstarke Persönlichkeit. Von der Beherrschten wird sie zur Bestimmerin. Die umgekehrte Wandlung von Lucy steht dagegen auf schwankenden Füßen. Klar ist ihr bewusst, dass sie unrecht handelt, aber driftet eine derart selbstbewusste Person dadurch in kürzester Zeit in verängstigte Paranoia? Das passt nicht so ganz.

Mehr will ich hier auch gar nicht vorwegnehmen. Ich kann den Roman, trotz kleiner Schwächen, uneingeschränkt empfehlen.

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