Der Block – Jerome Leroy

“Letzlich bist du also Faschist geworden wegen der Möse einer Frau.” – Bääm! Ein Roman, der so anfängt, kann nur brillant sein. Und Jerome Leroy hat mich nicht enttäuscht. “Der Block” ist das Beste, was ich 2017 gelesen habe. Mit Abstand. Und es ist absolut nichts für zarte Gemüter.

Denn Vorsicht: Leroy schafft es tatsächlich, dass wir Sympathien für seine Hauptfiguren entwickeln – obwohl beide faschistische Arschlöcher sind!

Darum geht es: In einer schicksalshaften Nacht lassen Stanko und Antoine ihren eigenen und den gemeinsamen Werdegang Revue passieren. Das ist durchgehend spannend, unterhaltsam und voller kleiner Überraschungen. Und dabei hochaktuell, denn trotz der Niederlage des Front National und einer schwächelnden AfD bleibt die Gefahr durch Rechtspopulisten für unsere Gesellschaft weiterhin bestehen. Leroy zeichnet anhand seiner Figuren den langsamen Aufstieg des rechtsnationalen Blocks nach. Vom braunen Rand in den 70er Jahren bis ins gegenwärtige Zentrum der Macht.

Doch die Aktualität macht nur einen Teil der Stärke des Romans aus. Leroys Sprache ist brillant, exakt und zugleich lebendig nah an seinen beiden Protagonisten. Im Verbund mit einer starken Handlung versteht er es, den Leser zu fesseln und mit seinen “Helden” leiden zu lassen. Dabei scheut sich Leroy nicht vor drastischen Schilderungen, drängt den Leser aber auch nicht in die unfreiwillige Rolle des Voyeurs.

Stanko stammt aus der harten, von elender Armut geprägten Welt Nordfrankreichs. Schlägereien und alltäglicher Suff sind da noch die harmlosesten Zeitvertreibe. Der Junge mit slawischen Wurzeln wächst auf in einer Welt aus Schmerz, Hass und Tod. Diese Welt formt ihn und macht ihn zu dem was er ist: Rücksichtslos, brutal und absolut loyal seinen Herren gegenüber. Der wohl genialste Kunstgriff des Autors: Stanko ist schwul.

Wir haben also einen eiskalten Schlägertypen, mit Glatze und Tattoos, der alles hasst, was anders ist. Und dabei gleichzeitig seine homosexuellen Neigungen vor seinen stramm rechten Parteifreunden mehr oder weniger offen auslebt.

Antoine dagegen ist der Prototyp eines Vorzeige-Faschisten. Groß, gutaussehend, eloquent und gut gebildet. Früh gerät er in den familiären Dunstkreis der Elite des Blocks und heiratet die Tochter des Grandseigneurs. Die Begegnung mit Stanko verändert dabei nicht nur beider Leben, sondern hat entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Blocks.

Doch jetzt hat sich alles verändert: Antoine´s Frau soll Ministerin werden und Stanko, der Bluthund, steht dem öffentlichen Triumph der Partei im Wege. So wird der Gejagte zum Jäger, während sich Antoine in seiner Wohnung barrikadiert und der Vergangenheit hinterher trauert.

“Der Block” ist absolut große Literatur: Spannend, sprachlich präzise und eine Tour de Force für jeden schamlosen Leser, der sich nicht vor inneren Auseinandersetzungen scheut.

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