Der Circle – Dave Eggers

Als kleine Abwechslung zu meinem Leseprojekt habe ich mir “Der Circle” ausgesucht. In Amerika wird dieses Buch als Manifest unserer nahen Zukunft gelesen, behauptet jedenfalls eine deutsche Wochenzeitung.

Es geht um die vollständige Transparenz unserer Daten und um die Vorteile und Gefahren, die sich aus dem gläsernen Menschen ergeben.

Das ist natürlich ein aktuelles und spannendes Grundthema, leider jedoch denkbar schlecht umgesetzt. Erst einmal erzählt Dave Eggers viel zu langsam. Das Relevante der ersten 200 Seiten hätte locker auf 100 Seiten gepasst. Es wird zu schnell zu offensichtlich, worauf die Handlung abzielt. Jedem Leser mit ein wenig informationstechnischem Hintergrund, ja eigentlich jedem der irgendwie schon einmal das Wort Datenschutz gehört hat, ist schnell klar, dass der Circle im Grunde kein Unternehmen, sondern eine totalitäre Sekte ist, die alles über seine Mitarbeiter wissen will. Es geht um Kontrolle, nicht nur um Kontrolle des Arbeitslebens, sondern des gesamten Lebens. Der Hauptperson Mae wird andauernd unterbewusst suggeriert, dass sie zuwenig über sich preisgibt und keine echte Anteilnahme am Gemeinschaftsleben zeigt. Das beschreibt Eggers anhand mehrerer Ereignisse – für den gemeinen Leser hätten zwei gereicht, um die Essenz der Botschaft zu verstehen.

Gesundheitsdaten, Freizeitaktivitäten, Partizipationsrankings der sozialen Medien: Alles wird vom Circle erfasst, vorgegeben und soll im Rahmen bzw. im Kreis des Circle ablaufen. Schnell ist dem Leser klar: Im Circle gibt es kein Privatleben mehr, nur die diversen Akteure scheinen das alles für unheimlich toll und selbstverständlich zu halten. Was hier vor allem fehlt: Es gibt keinen Kontrapunkt, keinen Antagonisten, so bleibt der Leser mit seinen Zweifeln alleine. Die schablonenhaften Figuren gingen mir persönlich schwer auf den Keks und ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Mae einmal irgendwie eine Widerstandsregung zeigt. Tja, leider nein.

Mae ist einfach zu langweilig und viel zu naiv für ihre offenkundige Intelligenz. Sie nimmt alles hin, stellt keine Rückfragen und lässt sich vereinnahmen, ohne jeglichen Widerstand. Dabei wird der Charakter zunächst als standfest eingeführt. Es hat mich innerlich tierisch genervt, zu lesen, wie sie unreflektiert alle Gegebenheiten akzeptiert und die totalitären Sinnsprüche (“Alles Private ist Diebstahl”) zu ihrem Lebensmotto macht. Das ist unglaubwürdig, denn ein intelligenter Mensch würde zumindest innerliche Zweifel hegen. Das gestattet der Autor seiner platten Protagonistin jedoch nicht, was in meinen Augen die größte Schwäche des Romans ist. Ein sperriger Charakter, mit Sinn für Reflexion und geistiger Tiefe, hätte hier deutlich mehr bewirken können und den Roman sicherlich spannender gestaltet.

Dies zeigt sich besonders deutlich, als der Chef des Circle eine neue Minikamera präsentiert. Die Kamera ist winzig klein und überträgt HD Live-Bilder in Echtzeit. Großspurig wird hier propagiert, dass dadurch alle Verbrechen jederzeit sichtbar sind. Gepaart mit dem Slogan “Alles was passiert, muss bekannt sein” sollte jedem Trottel klar sein, dass dies die totale Überwachung unseres Lebens bedeutet. Die gesamte Circle-Belegschaft nimmt dies mit tosendem Applaus entgegen, niemand, nicht einmal die Hauptdarstellerin äußert irgendwelche Bedenken.

Klar, vermutlich wollte Eggers darauf hinweisen, dass die junge Generation der unter 30-Jährigen so sehr an Datentransparenz gewöhnt ist, dass hier mit wenig Widerstand zu rechnen ist. Trotzdem bleibt das sehr unglaubwürdig, denn wie ich bereits sagte: Eine kritische Stimme hätte dem Roman mehr Würze verliehen.

Der absolute Witz findet sich auf einer Seite kurz vor der Hälfte des Buches. Der Autor beschreibt über eine komplette Seite wieviele Feeds Mae verfolgt, dutzende Kommentare postet undsoweiter. Das alles akribisch mit irgendwelchen vierstelligen Zahlen. Das ist nicht nur inhaltlich erbärmlich, nein, auch stilistisch der größte Witz, den ich je in einem Buch lesen musste. Hab es danach weggelegt. Kann meine Zeit auch mit was Sinnvollem verplempern.

UPDATE
Gut, ich habe dann doch noch weitergelesen, da es plötzlich wieder interessanter wurde. Leider nur ein klein wenig. Denn dann kam dieser mehrere Seiten umfassende Part, wo Eggers eine Kanufahrt beschreibt. Das ist so öde und hat mit der Handlung rein gar nix zu tun, dass ich schnell weitergeblättert habe.

Leider bleibt auch der Rest ziemlich platt. Es gibt keine Wendungen oder Überraschungen in der Handlung. Dann schreibt Eggers einen Zwist zwischen Mae und ihrer besten Freundin herbei, inszeniert einen Bruch mit ihren Eltern und lässt sie immer tiefer in das Dickicht der totalen Überwachung fallen. Mae ist jetzt komplett weichgespült im Gehirn. Die checkt wirklich gar nix. Aber soweit waren wir eigentlich schon nach Seite 200.
Ich frage mich, wieviele langweilige Beispiele für die zunehmende Überwachungsgesellchaft Eggers noch anführen will? Das einzig Spannende ist, zu lesen, welche Varianten des Satzes “Ist das nicht großartig?” ihm noch so einfallen.

Da eine Reflexion von seiten der Charaktere immer noch nicht stattfindet, ist das Buch im Grunde eine einzige Jubelarie auf die Vorteile von Transparenz und der ständigen Verfügbarkeit aller Daten. Eggers führt immer mehr Rankings ein, und geht sogar soweit, dass Mae´s Lover zwanghaft von ihr bewertet werden möchte, wie gut er im Bett ist.

Kluge Schriftsteller zeichnen ihre Botschaften subtil, führen ihre Figuren und den Leser in innere Widersprüche, um am Ende Licht ins Dunkel zu bringen. Eggers schreibt dagegen unterm Stadionscheinwerfer der Banalität. Seine “Story” hätte man in eine gute Kurzgeschichte packen können. 550 Seiten sind mindestens über 400 Blätter Papier zuviel.

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