Im Graben die Hölle – Der 1.Weltkrieg in der Literatur

“Ich hatte auch noch nie über Politik nachgedacht. Ich hatte einen Ekel davor, wie vor etwas Schmutzigem.”
Ludwig Renn – Krieg

Literatur über den 1. Weltkrieg ist kein Zuckerschlecken. Sie ist roh, hart, und verstörend bildhaft. Viele Werke sind sehr drastisch in ihrer Darstellung und für seichte Gemüter schwer zu verkraften. Was natürlich ein Qualitätsmerkmal ist, denn die schiere Grausamkeit und Sinnlosigkeit des menschlichen Schlachthauses in den Gräben wird dem Leser schonungslos und in vollem Ausmaß vor Augen geführt. Und das ist gut so.

Bevor ich mich mit den einzelnen Werken beschäftige, möchte ich klarstellen: Der 1.Weltkrieg war – abgesehen vom Holocaust – der vielleicht größte Fehler der Menschheitsgeschichte und ein großes Unglück für alle Völker der Welt. Auch wenn die Lektüre an die Nieren geht, sollte es meiner Meinung nach europaweit Pflicht für alle Schulen sein, sich eingehend mit dieser Katastrophe – die vor allem in deutschen Lehrplänen nur marginal behandelt wird – , ihren Auswirkungen für den einzelnen Menschen und die europäische Gesellschaft im Ganzen, intensiv auseinanderzusetzen.
Nur wenn jeder junge Mensch lernt, was Krieg bedeutet, wird er als Erwachsener nicht mehr in der Lage sein, Menschen in die Hölle Krieg zu schicken.

Kommen wir zu den Büchern. Der Prolog von “Das Salz der Erde” ist ein Meisterwerk. In lakonisch-philosophischer Stimme droht Josef Wittlin mit dem, was über die Geburt der Moderne hereinbrechen wird um die heile Welt des beginnenden 20.Jahrhunderts in Schutt und Asche zu legen. Sehr lyrisch, wie ein Prosagedicht, mit unbändiger Sprachgewalt schickt Wittlin die Welt ins Schlachthaus. Dann wird es leider profaner: Die Geschichte ist nett, mehr aber auch nicht. Den Beginn des Krieges aus der Sicht eines lernbehinderten, begriffsstutzigen Analphabeten zu erzählen ist originell. Wittlin hatte eigentlich eine Trilogie geplant, kam jedoch nicht dazu die beiden anschließenden Teile zu schreiben. Deshalb bricht die Geschichte am ungünstigsten Moment ab: Vor der Versetzung des Protagonisten an die Front. Die Schilderungen der Musterung und Grundausbildung durch die Augen eines Hinterwäldlers sind ein guter Ansatz, leider bleibt uns verwehrt zu beobachten, wie der sprichwörtliche Niemand Peter Niewiadomski den Krieg erlebt und wahrgenommen hätte.

Kommen wir zu “Krieg”. Passender könnte ein Titel nicht sein. Nach dem 1.WK von seinem Adelstitel zurückgetreten und nun überzeugter Sozialist, nimmt Ludwig Renn die Position eines einfachen Soldaten ein, obwohl er selbst als adeliger Offizier in Frankreich den Krieg überlebte.
Ludwig Renn ist kein Dichter. Er verfügt nicht über die emotionale Präzision eines Remarque und die natürliche Kraft eines Heinrich Böll. Viele Teile wirken aus der Erinnerung zerstückelt und hastig aufgeschrieben. Renn springt häufig von einem Absatz zum nächsten, so als ob der Soldat sich nicht wirklich an das Geschehene erinnern kann. Sprachlich ist das mittelmäßig. Wenn es seinen Zweck erfüllen sollte, die Unfähigkeit des sich Erinnerns und das Willkürliche des Krieges auszudrücken, dann ist ihm das gelungen. Mir persönlich gefällt das stilistisch überhaupt nicht. Dennoch ein sprachlich leicht zugänglicher Roman, der den Verlauf des Krieges in seiner Handlung widerspiegelt. Ludwig Renn beschönigt zwar nichts, ist aber auch nicht so drastisch brutal in seiner Schilderung, wie der Heeresbericht von Edlef Köppen.

Zu “Der Eiskremkrieg” von William Boyd schreibe ich nur kurz: Flüssig geschrieben, zu Beginn sehr öde, es passiert herzlich wenig, dann später ganz unterhaltsam. Die Figuren sind schablonenhaft und vorhersehbar, einziger Lichtblick ist ein verrückter englischer Geheimdienstler. Das interessanteste an diesem Roman, und deshalb habe ich ihn auch gelesen, ist das afrikanische Szenario. Man erfährt ein wenig über die Kolonialgeschichte Ostafrikas und die dort größtenteils freundschaftlichen Beziehungen Deutscher und Engländer. Kann man lesen, kann man aber auch sein lassen.

Wer ist “Schlump”? Schlump spaziert leichtfüßig durch den Krieg. Er stolpert kurz, nimmt jedoch keinen bleibenden Schaden. Wie Hans im Glück ist er immun gegen äußere Umstände. Ein moderner Candide, der nur das Positive sieht, sich des Leidens nur für einen kurzen, schnellen Augenblick bewusst wird. Hans Herbert Grimm hat einen verdammt guten Roman, der den Krieg aus Sicht eines naiven glücklichen Menschen zeigt. Der zwar nicht dumm ist wie Wittlin´s Niewiadomski, in seinem positiven Herzen das Schlimme durchaus erkennt, aber sich von Nichts und Niemandem beirren lässt.

Der Ton ist des Romans ist durchweg fröhlich, und so leichtfüßig wie sein Protagonist durch den Krieg spaziert, erzählt die Sprache des Autors von seinen Abenteuern. Von Frauen, Freuden, und ein bisschen Kampf. Schlump kümmert sich rührend um sein Dorf hinter der Front, er tut all das was Königstreue verachten. Er hat jeden Menschen lieb, gleich welcher Herkunft oder welchen Standes, er verurteilt nicht und ist jedem zu Hilfe.

Später ist er froh um seinen lebenssichernden Posten und schämt sich nicht, dem Tod zu entrinnen. Der Autor verlässt seinen lockeren Ton nur einmal: Völlig abrupt, in seinen Schilderungen vom Schützengraben. Das Grauen übermannt Schlump, er hält den Krach, das sinnlose Angreifen nicht aus. Aber anders als bei Remarque lässt es ihn auch wieder los. Schlump kehrt zurück in sein Dorf, wird aufmüpfig und kommt dann doch wieder glücklich davon. Mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten, lest es!

Warum war Schlump nun weniger erfolgreich, ja, geriet sogar in Vergessenheit, als andere Bücher über den ersten Weltkrieg?

Vielleich war es der Ton, der nicht den Nerv der Zeit traf. Ende der zwanziger Jahre waren die Menschen endlich bereit, die ungeschminkte Wahrheit über den großen Krieg zu erfahren. Eine ernsthafte Auseinandersetzung begann, abseits von verklärtem Heldenpathos. Die schier abartige Grausamkeit des großen Krieges wurde schonungslos offengelegt. Da passte ein fröhliches Märchen wie “Schlump” so gar nicht hinein. Wer will sich schon mit einem satirisch anmutenden Text auseinandersetzen, dessen Held sich glücklich und zufrieden durch die schlimmste Katastrophe schlawinert?

Der Schlump war einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort. Es hätte wohl besser in die frühen, goldenen Zwanziger gepasst. Aber ein mausernder Glückspilz, der wie die Made im Speck lebt, während andere qualvoll sterben, das passte nicht in die Zeit von Inflation und Börsenkrach, in der die Gesellschaft endlich bereit war, sich mit dem großen Schlachten auseinanderzusetzen.

Das genaue Gegenteil von Schlump, und der einzige Roman, der es sowohl sprachlich, als auch inhaltlich mit “Im Westen nichts Neues” aufnehmen kann, ist “Heeresbericht” von Edlef Köppen. Ein stählernes Monster von einem Buch, der kompletteste Roman über den ersten Weltkrieg. Aber lassen wir Zitate für sich selbst sprechen.

“Gefahr ist sinnloser Zufall, Rettung ist sinnloser Zufall.”

“Das also ist der Krieg! Da steht ein Mensch, laut und kräftig, mit provozierendem Mut. Und die Sonne scheint und es ist blauer Himmel. Und plötzlich liegt der Mensch am Boden. Und Blut spritzt. Und der Mensch wird nach Hause gehen und niemals im Leben wieder eine linke Hand haben. Das ist ja ekelhaft!”

Der “Heeresbericht” ist brillant geschrieben, dabei immer sprachlich einfach und präzise prosaisch zugleich. Die schnelle atemraubende Erzählweise macht es teilweise zu einem Actionthriller. Diese Szenen wechseln sich mit nüchternen Tatsachenberichten ab. Extreme Situationen werden von den Personen mit erschreckender Gleichgültigkeit angenommen und zeigen die Verrohung des Menschen. Stirbt jemand, und sei er ein geliebter Mensch, wird nicht länger drüber nachgedacht. Es ist ja Krieg. Köppen zeigt hier in aller Deutlichkeit, wie der Mensch im Kriege zum Tier wird. Nur das Überleben zählt.

In der ersten Hälfte des Romans gibt es ein Kapitel, in dem der Protagonist Reisiger das erste Mal seine direkte Sichtweise darlegt. Es ist besonders intensiv und lässt seine ersten Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Kampfes und dem Begriff “Feind” erahnen. Diese Gedanken reifen im Laufe der Handlung, bis der Freiweilige Reisiger vollends zum Pazifisten wird, der sich nach einem Tag sehnt, an dem er nicht mehr töten muss.

Köppen lässt in seinem Bericht immer wieder Zeitdokumente einfließen und stellt diese den Handlungen und Gedanken der Männer im Felde kontrastreich  gegenüber. Die stumpfe Propaganda, Werbung für Produkte oder Anweisungen für den Kampf werden dabei als heuchlerische Hetze und Kriegstreiberei umso stärker entlarvt und bloßgestellt, als sie das absolute Gegenteil der subjektiven Erfahrungen der Soldaten sind. Diese scheinen stets unempfindlich für derlei Gerede, da ihre Welt nicht vor Kampfeslust und Mut strotzt, sondern nichts ist als Tod, Dreck und sinnloses Abschlachten.

Die große Stärke seines Berichts gegenüber anderen Roman ist, dass sein Bericht ein übergreifendes Zeitbild gibt. Angereichert durch Zeitungsartikel,  königliche Erlässe,  Reden und Protokolle entsteht ein Portrait der Kriegszeit, indem die Soldaten die Hauptrolle spielen, zugleich aber auch andere Akteure zu Wort kommen. Die Diskrepanz zwischen den Positionen von Heer und Führung wird damit überdeutlich und besonders kritisch bewertet. Die falsche Gier und die Lügen werden offensichtlich und klar aufgezeigt.

Es ist das perfekte Mahnmal gegen den Krieg. Ein lauter, pazifistischer Aufschrei, der das Dickicht des nationalen Wahnsinns durchbricht. Und deshalb die subjektive Erfahrung von Remarque übertrumpft. Das macht es nicht besser, aber es ist vollkommener und endgültiger als “Im Westen nichts Neues”.

“Der nationalistische Wahn scheint nur in den Köpfen der Eliten sein Unheil zu treiben um den einfachen Bürger ins Verderben zu stürzen.”

„Es ist schon ein Wahnsinn, daß sich zwei Menschen in der Nacht auf drei Meter Entfernung gegenüberliegen und, wenn sie anständige Soldaten sein wollen, dürfen sie eigentlich keine andere Sorge haben, als das Gegenüber auf jede nur mögliche Weise und so schnell wie möglich zu töten.“

„Da, finde ich, hört eigentlich der Krieg auf, wo es so eindeutig klar wird, daß der Mensch, der einzelne Mensch den einzelnen Menschen tötet. Denn er konnte ich sein, ich konnte er sein, gibt es da noch irgendeinen Sinn und irgendeine »Feindschaft«?“

Heeresbericht kann man sich bei amazon kostenlos als eBook herunterladen.

Enden wir mit einer kurzen Bewertung von Ernest Hemingway´s “A Farewell to Arms”, das Buch, welches ihn berühmt gemacht hat.

Hemingway´s Geschichte ist nur sekundär ein Kriegsroman, als vielmehr eine tragische Liebesgeschichte. Sein Alter Ego, denn er war selbst in Italien im Krieg, verliebt sich in eine Krankenschwester, schwängert sie, wird schwer verwundet und landet schließlich mitten im Rückzug der italienischen Truppen wieder dort, wo er angefangen hat. ACHTUNG SPOILER: Er wird gezwungen zu desertieren, findet seine Geliebte und flüchtet mit ihr in die Schweiz. Das Kind wird tot geboren, die Mutter stirbt entkräftet, er hat alles verloren.

Die unfassbar pathetisch schlechten Dialoge mit der Frau haben mir gar nicht gefallen. Hemingway feuert hier nur peinliche Platitüden ab. Das er das besser kann, zeigt er an anderer Stelle: Die Gespräche des Protagonisten mit dem Priester und der Soldaten untereinander sind bestes Handwerk. Interessant ist natürlich auch das ansonsten in der Literatur und der Geschichte wenig beachtete Kriegsgebiet am Isonzo, darüber hinaus ist das Buch spannend und zum Ende schlicht Weltklasse.

Entscheidungen und Konsequenzen sind ein Hauptthema des Romans. Hemingway lässt seinen Protagonisten stets freie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen er sich vollauf bewusst ist. Er will nicht erschossen werden und entschließt sich, zu desertieren. Er will auch kein Kind,  aber da er die Frau will, trägt er die Konsequenz. Der einzige Moment, indem ihm die Entscheidungsgewalt abgenommen wird, ist der Kriegseinsatz. Im Krieg ist der Mann hilflos. Er hat keine Macht über sein Schicksal und muss die Konsequenzen tragen, ohne eigene Entscheidungen treffen zu können. Der Krieg siegt über den freien Willen.

Geheimtipp “Ich werde da sein, im Sonnenschein und im Schatten”: Kracht mit seiner dystopischen Parallelgeschichte hat mich so gefesselt, dass ich das schmale Büchlein an einem Wochenende gelesen habe. Es ist äußerst stark geschrieben, ohne ein Wort zu viel, ja fast schon wie ein Hemingway, dazu angereichert mit vielen ausgefallenen Ideen. Eine absolute Empfehlung.

Eine sehr gute Übersicht zu Literatur über den 1.Weltkrieg findet sich in diesem Literaturblog.

Der erste Teil meines Leseprojektes ist nun beendet. Es hat deutlich länger gedauert, als ich geplant hatte. Zum einen kamen immer mehr neue Titel hinzu (es hätten auch noch mehr sein können), zum anderen fiel ich im März in eine Leseunlust, sodass ich einen Monat gar nichts lesen wollte.
Nach einer kurzen Pause mit “Der Circle” geht es weiter mit den 1920er Jahren, vermeintlich leichte Kost im Vergleich zum 1.Weltkrieg. Ich denke, dass ich hier schneller vorankomme, da die meisten Bücher kürzer sind und inhaltlich weniger zum Nachdenken anregen. Aber wir werden sehen.

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