Revival – Stephen King

Weder Fisch noch Fleisch: Stephen King versucht sich mal wieder an einem neuen genreübergreifenden Werk. Mit Mr. Mercedes ist er in die Krimispalte gerutscht, und Joyland war ein trauriger Versuch eines Coming-of-Age-Romans. “Revival” ist eine Mischung aus Lebensgeschichte, Religionskritik und dämonischem Horrorthriller. Das Ergebnis ist in Ordnung, aber bei weitem kein Meilenstein.

Soweit mir bekannt, hat Stephen King noch nie die komplette Lebensgeschichte eines Protagonisten erzählt. Insofern haben wir hier ein Novum, da der Leser den Ich-Erzähler Jamie von der Kindheit bis ins hohe Alter begleitet. Aus dem braven, wissbegierigen Jungen wird ein Musiker und Junkie, der durch Elekrottherapie von seiner Sucht geheilt wird und im Herbst seines Lebens eine junge Liebe erfährt. Was dies mit der Geschichte insgesamt zu tun hat? Das habe ich mich auch gefragt.

Die Schwächen des Romans liegen nämlich eindeutig in dem langweiligen Charakter des Protagonisten. Der hat weder Ecken noch Kanten, und wird nur interessant, wenn er auf seinen – wie es im Buch heißt – “Fünften im Spiel” trifft. Der Antagonist Charles Jacobs ist denn auch das einzige Element, das dem Buch seine Spannung verleiht. Vom sorgsamen Priester zum verzweifelten Witwer, vom Jahrmarktsschwindler zum Sektenführer – die Geschichte hätte King lieber enger an Jacobs geknüpft.

In der Beleuchtung dieses Charakters hätte eine Menge Konfliktstoff drin gesteckt. Stattdessen tritt Jacobs nur in Erscheinung, wenn er mehr oder weniger zufällig auf Jamie trifft. Alles was dazwischen passiert ist uninspiriert und verheißt wenig Spannung.

Stephen King arbeitet sich in “Revival” an einer Menge Themen ab: Der Verlust der Familie, Drogensucht, Abfall vom Glauben, und nicht zuletzt falsche Prediger, die sich am Glauben schwacher Menschen bereichern. Die Szene, in der Jamie bei einer von Jacobs “Heilungen” zugegen ist, ist der anregendste und beste Part des Buches. Leider bleibt er auch hier nur an der Oberfläche und zeigt nur einen Teil des Geschehens. Da hätte King ruhig konsequenter und mehr ins Detail gehen können.

Tja, so dümpelt das Buch vor sich hin und irgendwann sehnt man sich den Showdown herbei. Denn laut Klappentext stehen ja noch dämonische Experimente an. Die werden – anders als sonst bei King – nicht im Laufe des Romans angedeutet und damit der Leser scharf gemacht. Stattdessen serviert uns der Meister am Ende eine Geschichte von Parallelwelten und gigantischen Wesen, die die Toten in der Ewigkeit quälen.

Also: Kann man lesen. Muss man aber nicht.

 

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